Aktuelles



 

Liebe Freunde und Wohltäter unseres Hauses Königstein!

Wieder haben wir ein Jahr unter Corona-Pandemiebedingungen verbracht und können nicht sicher sein, dass im kommenden Jahr die Pandemie gebrochen sein wird und wir wieder normal arbeiten können ohne dass eine fünfte Welle uns bedroht. Heute möchte ich am Vorabend des Heiligen Abends noch einige Gedanken aus dem vierten Heft unserer Mitteilungen senden.


2022 können wir auf 15 Jahre „Mitteilungen - Haus Königstein“ zurückblicken, denn im Herbst 2007 konnten wir Ihnen das erste Heft zusenden. Auf Heft 3 dieses Jahres haben wir zahlreiche Anrufe und Schreiben bekommen, in denen gedankt wurde, dass wir viel über das Vaterhaus der Vertriebenen in Königstein berichten. „Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass das Vaterhaus der Vertriebenen, seine Leistungen und Bedeutung immer mehr in Vergessenheit geraten.“ So heißt es in einem Schreiben. Es folgte dann die Bitte an uns, immer wieder über das Werk in Königstein zu berichten. Dem kommen wir gerne nach, denn mit Königstein waren drei Päpste verbunden: Pius XII., der es begrüßte und genehmigte, Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI., der die Gründungs-Urkunde für Königstein unterschrieb und siegelte und Angelo Giuseppe Roncalli, der bereits heiliggesprochene Papst Johannes XXIII. Er hatte als Nuntius in Frankreich die Bibliothek des Kriegsgefangenen-Seminars in Chartres der Hochschule in Königstein überstellt.

Auch im Heft 4 finden Sie weitere Berichte über Kirche und Kultur der Alten Heimat und Beiträge über die Zeit vor 75 Jahren. Pfarrer Gehrmann gibt uns in seiner Weihnachtsbotschaft Trost: Fürchtet Euch nicht! Ein weiterer Beitrag zeigt, wie beide Kirchen in Deutschland das Prophetenwort Tröstet, tröstet mein Volk ernst nahmen und uns Vertriebenen halfen. 1947 haben unsere Heimatpriester in Königstein gefordert, die Vertreibung müsse rückgängig gemacht werden. Ich erinnere mich genau an dieses Jahr, als mein Vater 1947 aus französischer Gefangenschaft nach Creußen kam, wo ich mit meiner Mutter 1946 im Lager in eine Baracke eingewiesen wurde. Mein Vater war damals froh, so nah an der tschechischen Grenze gelandet zu sein und ich höre ihn noch sagen: „Wenn wir so nahe an der Grenze sind, wird die Rückkehr in die Heimat kürzer sein.“


Wie Pfarrer Gehrmann richtig schreibt, müssen wir uns heute vor Dingen fürchten, an die man vor gar nicht so langer Zeit noch nicht gedacht hatte. Ich nenne nicht nur die Millionen Flüchtlinge in aller Welt und die Kriegsgefahr in aller Welt, von denen wir alle nicht automatisch.in Europa verschont sind, denken wir an die Ukraine und Bosnien. Aber der Anruf des Engels von Bethlehem, den Pfarrer Gehrmann aufgreift, bleibt: Fürchtet Euch nicht! Deshalb vertrauen wir im Haus Königstein auf Sie und Ihre Spenden, die wir nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie bitter nötig haben.


Mit den Worten des Engels am Hirtenfeld von Bethlehem wünsche ich Ihnen, im Namen des Vorstandes und aller Mitarbeiter ein gnadenreiches Weihnachtsfest und ein gesundes Neues Jahr.


Ihr


Rudolf Grulich



Weihnachtsbrief 2021


Fürchtet Euch nicht!


Liebe Leser der Mitteilungen des Hauses Königstein,

die Worte der Engel aus dem Weihnachtsevangelium „Fürchtet Euch nicht!“ dürfte kaum Menschen so wertvoll sein, wie denjenigen, die Opfer von Ideologien, Diktaturen, ungerechter Gewalt, Verfolgung und Vertreibung geworden sind. Die Sudetendeutschen verloren nicht einfach ihre Heimat, sondern ihre bürgerlichen Rechte. Sie waren in der damaligen Zeit „vogelfrei“. Die persönliche Erfahrung der Rechtlosigkeit dürfte der Hauptgrund gewesen sein, sich für Friede und Versöhnung, nicht nur im Hinblick auf die Tschechen, sondern auch im gemeinsamen europäischen Haus insgesamt einzusetzen. So kann nicht verwundern, wenn einige Sudetendeutsche eine Art seismographische Empfindlichkeit gegenüber sich anbahnenden, geistigen Katastrophen entwickelten. Stellvertretend darf ich hier Ida Friederike Görres nennen, die besorgt über die Zukunft der Kirche war. Oder denken wir an den Alttestamentler Josef Scharbert, der eindrucksvoll die Gefahren eines politischen Messianismus aufzeigen konnte.


Seit dem Zweiten Weltkrieg und dann noch einmal verstärkt nach Wegfall der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa, verstärkte sich in Europa das allgemeine Gefühl der Sicherheit und der grundsätzlichen Friedfertigkeit in der Welt. Der Kosovokrieg wird gerne als letztmaliges Aufflackern eines, in das vorige Jahrhundert zu verweisenden Nationalismus gedeutet. Ansonsten finden für uns Kriege, Verfolgungen und Vertreibungen in nicht-aufgeklärten, mittelalterlichen Gesellschaften außerhalb Europas statt.

Doch gerade die vorweihnachtliche Adventszeit mahnt zur Wachsamkeit. Wachsamkeit ist zum einen den eigenen inneren Neigungen gegenüber geboten, die vor dem Abgleiten in die Unordnung zu bewahren sind. Neben der Wachsamkeit gegenüber der persönlichen Sünde, finde ich als Priester aber auch die Wachsamkeit gegenüber geistigen Entwicklungen geboten, die geeignet sein könnten, totalitären Charakteren als Rechtfertigung für die Errichtung eines Unrechtsystems zu dienen.


Für meine Fahrt in die Herbstferien hatte ich mir dieses Jahr die Bahn ausgesucht. So kam ich in die Situation, mir ein Buch für die ausgedehnten Bahnfahrten zu erwerben. Zahlreiche Talkshows, in welchen der israelische Historiker Yuval Harari beispielsweise mit dem damaligen Kanzler Sebas-tian Kurz oder Mark Zuckerberg über die Zukunft der Menschheit sprach, sowie Leseempfehlungen von Barack Obama oder Bill Gates ließen mich auf die Bücher Hararis aufmerksam werden. So erwarb ich mir den Bestseller Homo Deus von diesem hoch gelobten Autor. Doch mit jeder Seite steigerte sich mein persönliches Entsetzen über das, was dort in dieser als „Kultbuch“ bezeichneten Schrift schwarz auf weiß zu lesen war. 

So spricht Harari den Menschen das Sein als Individuum ab: „In den letzten Jahren sind die Biowissenschaften zu dem Schluss gekommen, dass diese liberale Geschichte (der Mensch habe ein wahres Selbst) pure Mythologie ist. Das einzige authentische Ich ist genauso real wie die unsterbliche christliche Seele, der Nikolaus und der Osterhase. Wenn ich wirklich tief in mich hineinblicke, löst sich die scheinbare Einheit, die wir für selbstverständlich erachten, in eine Kakophonie widerstreitender Stimmen auf, von denen keine mein wahres Ich ist. Menschen sind keine Individuen.“ (Seite 446)

Harari spricht den Menschen ihr Personsein, ihr individuelles Ich ab. Der Mensch erhält einzig eine gewisse Existenzberechtigung als Glied der Menschheit an sich, als Teil der menschlichen Masse, sofern er für diese Gesamtmasse der Menschheit eine nachweisbare Bedeutung, einen „Nutzen“ hat. 

Folgt man Harari in seiner Argumentation, dass diese Bedeutung nicht allen Menschen zugesprochen werden kann, liegt eine Frage nahe, die Harari auf Seite 488 dann tatsächlich auch ausspricht: „Die wichtigste ökonomische Frage des 21. Jahrhunderts dürfte sein, was wir mit all den überflüssigen Menschen anfangen.“ (sic!) Die Menschen werden „überflüssig“, weil die Digitalisierung und die fortschreitende Maschinisierung der Welt menschliche Arbeit immer überflüssiger erscheinen lässt. So führt Harari auf Seite 502 weiter aus: „Der technologische Boom wird es wahrscheinlich möglich machen, die nutzlosen Massen auch ohne jede Anstrengung von deren Seite zu ernähren und zu unterstützen. Aber womit werden sie sich beschäftigen, und was wird sie zufriedenstellen? (…). Eine Möglichkeit wären Drogen und Computerspiele. Nicht mehr benötigte Menschen könnten immer mehr Zeit in virtuellen 3-D-Welten verbringen, die viel mehr Aufregung und emotionale Beteiligung zu bieten haben als die trostlose Wirklichkeit da draußen. Eine solche Entwicklung würde jedoch dem liberalen Glauben an die Heiligkeit menschlichen Lebens und menschlicher Erfahrungen einen tödlichen Schlag versetzen. Was ist so heilig an nutzlosen Faulenzern, die ihre Tage mit künstlichen Erlebnissen verbringen?“


Sie lesen richtig, es gibt Leute, die nach den Verbrechen der Nationalsozialisten oder des Kommunismus wieder die Heiligkeit menschlichen Lebens in Frage stellen können. Das Negieren des Menschen als „Krönung der Schöpfung“ seine Reduzierung auf seine Bedeutung als Teil eines Kollektives, seine Einzwängung in ein Nutzen-Kosten-Schema wird dazu führen, dass das Recht auf Leben bestritten werden wird. Nach Harari wird es einigen wenigen „Übermenschen“, mit maschinellen Verbesserungen angereichert, gestattet sein, ihre Existenz weiterzuführen. Grundlage für eine Weiterentwicklung zum Übermenschen ist die Heiligkeit des Informationsflusses. Es wird eine neue Religion der grenzenlosen Datenübermittlung entstehen, die Harari „Dataismus“ nennt. Nicht mehr das menschliche Leben ist heilig, sondern der schutzlose Zugriff auf alle Daten. Mögen wir solche Überlegungen auch für sehr abenteuerlich oder sogar für allzu verrückt halten, sollte uns doch das Wissen darum, dass sich die einflussreichsten Menschen dieser Welt mit diesen Gedankenspielen wohlwollend abgeben, in uns doch eine gewissen Nachdenklichkeit erzeugen.


Dem völlig entgegen steht das christliche Menschenbild. Wir feiern an Weihnachten, dass Gott Mensch wird. Gott schenkt uns nicht einfach irgendwas. Sicher er will uns Frieden und Liebe schenken. Aber in erster Linie tut er das dadurch, dass er sich selber schenkt. Gott schenkt sich uns selber. Dadurch schenkt Gott dem Menschsein eine unhinterfragbare und unverhandelbare Würde. Weil diese Würde von Gott gegeben ist kann sie uns niemand nehmen und ist von Staaten, die sich von ihrer Herkunft auf ein christliches Menschenbild berufen, selbstredend zu schützen. Vertrauen wir auch der menschlichen Erkenntnisfähigkeit. Wir können als getaufte und gefirmte Christen das Gute vom Bösen unterscheiden. Schärfen wir unsere Unterscheidungsfähigkeit der Geister. Und vor allem vertrauen wir der Allmacht Gottes, der die Menschen als seine geliebten Kinder liebt. Gott wird das letzte Wort über die Welt sprechen. Vertrauen wir darauf, dass er trotz aller aufziehenden Unsicherheiten, Unabwägbarkeiten und Bedrohungen letztlich alles zum Guten führen wird. In diesem Sinne wünsche ich ihnen allen zum diesjährigen Weihnachtsfest den Segen Gottes. Mögen uns im neuen Jahr die Worte des Engels an die Hirten begleiten: „Fürchtet Euch nicht!“


Pfr. Dr. Helmut Gehrmann






Wir gedachten im Gottesdienst 

 

 

vom 05. September 2021

 

 

75 Jahren organisierte Vertreibung

 


75  Jahre, ein Dreiviertel-Jahrhundert ist seit der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten vergangen: Aus den Gebieten jenseits der Oder-Neiße-Linie, aus dem Sudetenland, Polen, der ganzen Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien. Es gab zwar Flucht schon 1945 vor der Roten Armee und wilde Vertreibungen nach Kriegsende, aber erst nach der Konferenz von Potsdam haben die USA, Großbritannien und die Sowjetunion 1945 die geordnete und humane Vertreibung von 15 Millionen Deutschen beschlossen. Sie sollte geordnet und human sein. Aber mehr als zwei Millionen starben bei der Vertreibung.


Der Bund der Vertriebenen der Wetterau hatte am Sonntag, den
5. September, in einem Gottesdienst in Ockstadt der Vertreibung gedacht und sechs Heimatpriester ausgewählt, die vorgestellt wurden. Professor Grulich, den man als Prediger eingeladen hatte, war leider gesundheitlich nicht dazu in der Lage, so dass Frau Steinhauer die Predigt vorlas, die wir kurz wiedergeben.


Die Exilregierungen Polens und der Tschechoslowakei hatten die Vertreibung ihrer Deutschen schon 1939 gefordert und Churchill hatte 1943 zugestimmt, auch Roosevelt! In Potsdam stimmte auch Stalin 1945 zu. Nach den Ausführungen Grulichs sah Stalin die große Chance und hoffte auf eine große europäische Revolution. Er hoffte vor allem auf die Revolution im zerstörten Deutschland, wenn 15 Millionen vertriebener Deutscher – arm und mittellos – das Heer der Ausgebombten noch vergrößern würden. Stalin war sich sicher, das zu erreichen, was sein Vorgänger Lenin nach dem Ersten Weltkrieg nicht erreichte: Eine Revolution in Deutschland. Aber Stalin täuschte sich!


„Wir Vertriebenen mit 30 Kilo Gepäck wurden keine Terroristen, sondern wir haben schon sehr früh versucht, Deutschland und Europa wieder aufzubauen.“ So hieß es im Text von Professor Grulich. „1950 haben das 16 Landsmannschaften der Deutschen aus dem Osten in der Charta der Vertriebenen bekräftigt, als sie auf Rache und Vergeltung verzichteten. Warum? Weil sie aus christlichem Geist gehandelt haben!“


Die Zahl der Zeitzeugen, die den Krieg und die Vertreibung erlebt haben, werde immer kleiner. Die Erlebnisgeneration stirbt aus. Deshalb muss die Bekenntnisgeneration ihr Wissen an die Enkelgeneration weitergeben. 1946 hatten die Besatzungsmächte in Deutschland das Wort Vertriebene verboten. Es gab nur Flüchtlinge und in der russischen Zone nur Umsiedler.


„Heute ist der 5. September“, hieß es in der Predigt. „In Hessen kam an diesem Tag vor 75 Jahren in Sandbach ein Zug aus der Tschechoslowakei an, mit 40 Viehwaggons, in denen jeweils 30 Leute auf Holzkisten saßen, insgesamt 1200 Vertriebene. Einen Tag vorher kam ein Zug mit 1200 Personen aus Müglitz in Schlüchtern an, eine Woche vorher ein Zug aus Mähren in Friedberg. Allein in Friedberg kamen 1946 zwanzig solcher Vertreibungstransporte, in denen keine Flüchtlinge waren sondern gewaltsam Vertriebene, am Bahnhof an, 27 Züge in Gießen, 45 in Fulda. Sie kamen meist aus der Tschechoslowakei, aber auch aus Österreich, da die Österreicher auch deutsche Vertriebene aus Ungarn und der Tschechoslowakei gleich weiter schickten nach Deutschland. In Friedberg kamen auch solche Vertreibungszüge aus Salzburg, Graz und Wien an, in Gießen auch aus Ungarn, in Fulda auch aus der Slowakei und Ungarn.


Vor dem Krieg gab es nur wenige katholische Pfarreien in der Wetterau. Aber nach Hessen kamen 394 Transporte mit Vertriebenen allein aus dem Sudetenland mit über 400 000 Leuten, die zu über 90 Prozent katholisch waren. In den Viehwaggons saßen auch Priester mit ihren Gläubigen. Sie wurden in Hessen zu Rucksackpriestern, Priester, die von Dorf zu Dorf liefen, um ihre Schäfchen zu betreuen. Erst später hatten sie ein Motorrad oder ein Auto und noch später seit 1952 eine Kirche und ein Pfarrhaus. Lange durften diese Priester die ökumenische Gastfreundschaft der Protestanten erleben und am Sonntag in evangelischen Kirchen die hl. Messe feiern.


Die Vertriebenen wussten, dass sie nicht alleine waren. Da waren unsere Priester, die uns betreuten, weil sie zusammen mit uns vertrieben waren. Auch Papst Pius XII. ­ hatte uns nicht vergessen. Er schickte einen deutschen Bischof aus Amerika nach Kronberg, Bischof Alois Muench, der deutsche Eltern hatte, und später Nuntius in Bonn wurde.“

Wir fragen uns: Woher hatten diese Heimatpriester die Kraft? Aus dem Glauben! Sie nahmen das Wort des Propheten ernst, der in der Babylonischen Gefangenschaft die Priester ermunterte: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Die Heimatpriester sammelten die Verstreuten in der Diaspora und trösteten sie mit den Sakramenten. Und die Gläubigen sangen ein Trostlied: Die Schubertmesse!


     Wohin soll ich mich wenden,

       wenn Gram und Schmerz mich drücken?

       Wem künd’ ich mein Entzücken,

        wenn freudig pocht mein Herz?


Die Vertriebenen sind der Schubertmesse treu geblieben, auch als es ihnen wieder gut ging. Daher wurde sie in diesem Gottesdienst gesungen. Stellvertretend für alle vertriebenen Heimatpriester wurden im Gottesdienst sechs Priester namentlich vorgestellt und ihrer gedacht, die in die Wetterau vertrieben wurden.

Das Haus Königstein dankt dem BdV und Herrn Pfarrer Weckwerth von Ockstadt, dass die Kollekte unserem Institut überlassen wurde. Der Dank an Ockstadt, gilt auch allen, die diesen Gottesdienst vorbereitet haben.


Wir bringen im Folgenden die sechs Kurzbiographien der Priester, derer wir gedacht haben. Dr. Adolf Winkler hat sie zusammengestellt. Unter den vielen Heimatpriestern, die mit uns das Schicksal der Vertreibung geteilt haben und derer wir heute in diesem Gottesdienst gedenken, seien stellvertretend für alle, sechs hier besonders erwähnt und ihre Lebensdaten angeführt:


Wir denken zuerst an Prälat und Apostolischen Protonotar Dr. Karl Reiß aus Altzedlisch im Egerland, wo er 1910 geboren wurde. Nach dem Abitur in Mies studierte er in Prag Theologie und wurde im Veitsdom 1937 zum Priester geweiht. Seine erste Kaplanstelle war in einer tschechischen Pfarrei in Melnik, dann in Haid.

Er wurde 1942 zum Doktor der Theologie promoviert und war Mitarbeiter von Prälat Bock, der nach dem Münchener Abkommen Generalvikar des deutschen Teils der Erzdiözese Prag war.

1946 kam er in tschechische Haft, weil er dem Nuntius in Prag die Schikanen der Vertreibung meldete. Nach der Freilassung wurde er wie fast alle Sudetendeutschen vertrieben und wurde Flüchtlingsseelsorger in Fronhausen und dann in Offenbach. In Offenbach-Waldheim baute er Kirche und Jugendheim und rief die Vertriebenen zu Wallfahrten in der Diözese auf.

Dr. Reiß war der erste Vertriebenenseelsorger der Diözese Mainz und nach dem Tode von Weihbischof Kindermann dessen Nachfolger als Leiter des Sudetendeutschen Priesterwerks. Er starb 1985.


Pfarrer Alois Baruschke aus Partschendorf im Kuhländchen war Mährer des Jahrgangs 1909. Nach dem Abitur in Freudenthal studierte er in Olmütz, wo er am Fest der Heiligen Cyrill und Method 1934 zum Priester geweiht wurde. Er war später Pfarrer von Klein-Mohrau (Dekanat Goldenstein) im Kreis Mähr.-Schönberg, gelegen an der oberen March zwischen Grulich und Hannsdorf.

Nach der Vertreibung war er Seelsorger in Rodheim, Löhrbach und danach in Ockstadt, wo er auch 1966 starb und beigesetzt wurde.


Pfarrer Dr. Adolf Schindler aus Mährisch-Lotschnau wurde 1907 geboren. Er stammte aus demselben Erzbistum wie sein Mitbruder Baruschke. Er empfing die Priesterweihe 1932 im Dom zu Olmütz. Bis zur Aussiedlung 1946 wirkte er zuerst als Kaplan dann als Administrator und seit 1940 als Pfarrer in Bad Groß-Ullersdorf im Tesstal bei Mähr. Schönberg. 1938 promovierte er zum Doktor der Theologie. 1946 kam er nach Schotten in den Vogelsberg, wo er die Pfarrei aufbaute und die seit der Reformation zum Erliegen gekommene Wallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes wiederbelebte.

Als die Vertriebenen von der Stadt Schotten die Erlaubnis bekamen, selbst im Wald Holz zu fällen, half er mit seinem Kaplan den Frauen, Kindern und alten Leuten beim Holzhacken. Als der Kaplan müde wurde, spornte ihn sein Pfarrer an und ermunterte ihn: „Herr Kaplan, nehmen Sie sich ein Beispiel am hl. Bonifatius, auch er hat als Holzhacker bei der Donar-Eiche angefangen“.

1977 nahm er Abschied von Schotten, verlebte seinen Ruhestand in Okarben und verstarb dort 1987.


Pfarrer Edmund Artel aus Odrau wurde 1908 geboren. Er wurde wie Adolf Schindler in Olmütz 1932 zum Priester geweiht und kam direkt als Kaplan nach Goldenstein. Nach dem Tode seines Chefs, Dechant Franz Breuer, wurde er 1940 Administrator und 1941 durch päpstliches Dekret Pfarrer von Goldenstein. Mit dem letzten Aussiedlungstransport aus Goldenstein kam Pfarrer Artel Anfang Oktober 1946 über die Lager Gießen und Butzbach in das Wetterauer Bauerndorf Gambach, wo er anfangs als Lokalkaplan der Pfarrei Butzbach die vertriebenen Katholiken in Gambach und den umliegenden Ortschaften Ober-Hörgern, Holzheim und Eberstadt sammelte.

Der Bau der 1953 in Gambach eingeweihten Maria-Himmelfahrtskirche ist durch großzügige Unterstützung der belgischen Katholiken, denen die Situation der Vertriebenen durch Vortrags- und Bettelreisen von Pfarrer Artel nahegebracht wurde, ermöglicht worden. Ebenso beigetragen zur Finanzierung haben die ehemaligen Goldensteiner Pfarrkinder durch ein monatliches Kirchbauopfer und tatkräftigen Arbeitseinsatz. Dadurch wurde die Gambacher Kirche zum geistigen Mittelpunkt nicht nur für die eigentlichen Goldensteiner sondern für die ganze Goldensteiner Pfarrgemeinde. Edmund Artel organisierte hier die alle zwei Jahre unter großer Beteiligung stattfindenden Goldensteiner Treffen. Auch beteiligte sich Pfarrer Artel an den Treffen seiner Odrauer Heimatgemeinde.

Die selbständige Pfarrei Gambach wurde 1956 errichtet und umfasste zusätzlich den Nachbarort Griedel. 1959 wurde noch der Bau der Filialkirche St. Matthias in Holzheim vollendet. 1967 erfolgte die Ernennung zum Geistlichen Rat durch Kardinal Volk. 1970 wurde Pfarrer Artel Dekan des Dekanats Friedberg. Auch nach seiner Versetzung in den Ruhestand 1983 blieb er seelsorglich tätig. Für seine Verdienste wurde ihm 1989 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Kurz nach seinem diamantenen Priesterjubiläum verstarb Pfarrer Artel am 26. April 1992 (Weißer Sonntag) auf dem Weg zum Gottesdienst und wurde unter großer Beteiligung der Gambacher und Goldensteiner Pfarrkinder in Gambach beigesetzt.


Pfarrer Anton Rawitzer aus Stiebenreith wurde 1915 geboren. Er war Priester der Erzdiözese Prag, wurde aber 1939 in Leitmeritz geweiht, das seit 1938 dem Deutschen Reich angehörte, während Prag seit März 1939 im Protektorat lag. Vor der Vertreibung war er Administrator in Lichtenstein im Egerland.

Nach der Vertreibung landete er in Nidda, ehe er Seelsorger in Echzell wurde. Dort baute er Kirche und Pfarrhaus. 1978 wurde er zum Geistlichen Rat ernannt. Er starb 1996 in Friedberg.


Der letzte Priester, den wir heute namentlich erwähnen ist Pfarrer Johannes Klein aus Haukowitz im Kreis Sternberg, wo er 1906 geboren wurde. Er besuchte anfangs das deutsche Gymnasium in Kremsier, das aber nach dem ersten Weltkrieg tschechisiert wurde, so dass Johannes Klein 1925 sein Abitur in Freudenthal ablegte. Theologie studierte er in Olmütz, wo er 1929 zum Priester geweiht wurde. Kaplan war er in Füllstein, Meltsch und Reitendorf und seit 1937 Pfarrer in Geppersdorf. 1946 kam er nach Grebenau, wo er die Pfarrstelle übernahm. Bis zu seiner Pensionierung 1977 organisierte er die Heimat-Treffen seiner ehemaligen Pfarrkinder aus Geppersdorf, Pföhlwies, Stollenhau und Heinzendorf. Seine Bemühungen, eine kleine Pfarrkirche für die Heimatvertriebenen zu errichten, führte 1956 mit dem Bau der Kirche in Grebenau zum Erfolg. Er starb 1987 in Baiental.


Wir haben diese sechs Heimatpriester ausgewählt, die bei der Vertreibung mit ihren Pfarrangehörigen tagelang im selben Viehwaggon saßen und so mit den ihnen anvertrauten Pfarrkindern das gleiche Schicksal teilten. Wir nennen sie gerne Heimatpriester, weil sie die gleiche sudetendeutsche Heimat hatten. Als der Papst die Priester aufrief, als Hirten mit ihrer Herde zu leben und ihren Stallgeruch zu spüren, meinte er auch diese Nähe der Heimatpriester mit ihrer Gemeinde. Den Gottesdienst hat die Pfarrgemeinde St. Jakobus, Ockstadt aufgezeichnet. Die Aufnahme ist drei Monate lang abrufbar unter der Website: www.Pfarrei St. Jakobus Ockstadt Bistum Mainz oder https://bistummainz.de/pfarrei/ockstadt.


 



Eine wiederentdeckte Heilige:

Corona, Patronin gegen Seuchen


Bild: c_heiligenkalender.eu


Das Bild war bewegend: Papst Franziskus allein zu Fuß im nächtlichen Rom auf dem Weg zu einer Kirche, um zur heiligen Corona zu beten, eine der zahlreichen Patrone gegen Pest und andere Seuchen. Eine vergessene Heilige wird nun wiederentdeckt, Kirchen und Kapellen der hl. Corona werden wieder besucht und man ist überrascht, wie viele Gotteshäuser es zu ihren Ehren gibt, allein
acht in Deutschland.


In Bayern nenne ich nur die Corona-Kirchen in Passau und in Handlab im Landkreis Deggendorf sowie in Stauding, einem Ortsteil von Massing. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete bereits von „einer Wiederauferstehung der hl. Corona“.

Drei Kirchen zu ihrer Ehre gibt es in Österreich, eine davon im Wienerwald. Kaiser Otto III., in Freundschaft mit dem zweiten Bischof von Prag, dem hl. Adalbert verbunden, ließ Reliquien der
hl. Corona nach Aachen bringen. Dort ist die hl. Corona Patronin des Aachener Marienstifts, der Krönungskirche der deutschen Könige. Kaiser Karl. IV. schenkte dem Veitsdom in Prag 1355 weitere Reliquien, sodass die Corona-Verehrung auch in Böhmen nachweisbar ist. In Wien gibt es noch heute im 15. Bezirk die Apotheke zur heiligen Corona. Diese Heilige, die nicht nur bei Seuchen, sondern auch in Geldangelegenheiten angerufen wird, gab der Währung Österreichs bis 1924 den Namen „Krone“.


In der Wallfahrtskirche St. Corona am Wechsel im Bezirk Neunkirchen in Niederösterreich hat sich ein Wallfahrtslied erhalten „Corona, hoch erhoben aus diesem Erdental“, das auf die Melodie des bekannten Kirchenliedes gesungen wird „Gelobt sei Jesus Christus, in alle Ewigkeit“.

Die Diözese Augsburg hat eine Novene mit Gebeten an die
hl. Corona herausgegeben, darunter auch ein Gebet passend für die

jetzige Corona-Krise.


Wer war diese Heilige? Im Römische Martyrologium lesen wir am
14. Mai: „In Syrien das Gedächtnis die heiligen Martyrer Victor und Corona unter Kaiser Antonius“. Weil Corona den unter den Qualen der Folterung leidenden Victor wegen seiner Standhaftigkeit beim Martyrium als einen Seligen pries und zwei Kronen vom Himmel fallen sah, eine für Victor und die andere für sich und weil sie dies den anderen mitteilte, wurde Victor enthauptet und sie brutal getötet. Man band ihren Körper an zwei niedergebeugte Palmen, sodass Corona beim Emporschnellen der Palmen zerrissen wurde.


Kaiser Antonius Pius herrschte von 161 – 180. Andere Quellen verlegten das Martyrium nach Antiochien und Damaskus und teilweise in die Zeit des Kaisers Diokletian. Als Orte des Martyriums werden auch Ägypten, Sizilien und Marseille genannt. Victor soll ihr Ehemann gewesen sein, ein römischer Soldat aus Siena. Für die Gläubigen in Ost und West – die Ostkirche feiert Corona (bzw. griechisch Stephana) am
11. November – war für die Christen der frühen Kirche Coronas Eintreten für den christlichen Glauben das Entscheidende, unter Aufopferung des eigenen Lebens. Sicher hat das dazu beigetragen, diese Heilige als Pestheilige zu verehren, denn viele Ärzte und Pfleger riskierten oft bei der Pflege der Kranken ihr eigenes Leben.


Coronas Namenstag ist am 14. Mai. Bitten wir Gott, dass bis dahin auf die Fürsprache der hl. Corona die gleichnamige Seuche sich abschwächt oder gar ein Ende nimmt!


Rudolf Grulich



 




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